Schwule in China: Gesellschaftlicher Druck erschwert HIV-Prävention

06.02.2012 - 14:42
Etwa 70 bis 90 Prozent der chinesischen Schwulen heiraten Frauen, schätzen Experten. Gründe sind Diskriminierung und der gesellschaftliche Druck, eine Familie zu gründen. Ein Problem ist das auch für die HIV-Prävention.
Aids-Plakat aus China. Mann mit Kerze und Red Ribbon
Plakat zum Welt-Aids-Tag 2011

Bis zu 16 Millionen schwule Chinesen könnten verheiratet sein, sagte HIV- und Aids-Experte Professor Zhang Bei-Chuan gegenüber der China Daily, der größten englischsprachigen Zeitung des Landes. Zhang unterstützt das Online-Projekt „Heimat für Frauen schwuler Männer“ der Journalistin Xiao Yao, die sich 2008 von ihrem homosexuellen Mann hatte scheiden lassen. Ihre Website mit 1.200 angemeldeten Nutzerinnen bietet Frauen in einer ähnlichen Situation die Möglichkeit zum Austausch. „Die meisten Frauen schwuler Männer, die ich kenne, leiden still unter Männern, die sie nicht lieben und nicht lieben können“, sagte Xiao Yao.

Xiao Dong, ein 36-jähriger schwuler Mann und Vorsitzender einer HIV-NGO, hält Schätzungen zur Zahl der verheirateten Schwulen dagegen für spekulativ und nicht hilfreich. Er fürchtet, der Druck auf Schwule könne sogar noch steigen, wenn man nun ihre Frauen in den Mittelpunkt rücke. Ein im Chila-Daily-Artikel zitierter 50-jährige schwuler Mann aus Peking, der seine schon geplante Heirat nach einem positiven HV-Test wieder absagte, vermittelt: „Homosexuelle Männer und ihre Frauen sind beide Opfer sozialer Diskriminierung und Stigmatisierung, da sollten wir keiner Seite eine Schuld zusprechen.“

Auch wenn sich die rechtliche Situation für Homosexuelle verbessert hat – seit 1997 steht der Analverkehr zwischen Männern nicht mehr unter Strafe, seit 2001 gilt Homosexualität nicht mehr als Geisteskrankheit –, sind Schwule und Lesben in der Öffentlichkeit kaum präsent. „Der Druck ist immer noch da. Und die Diskriminierung. Personen des öffentlichen Lebens bekennen sich nie zu ihrer Homosexualität. Auch sie haben Angst vor dem Druck“, sagte die Soziologin Li Yinhe von der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften kürzlich in einem Interview mit „DeutschlandRadio Kultur“. „Auf dem Land oder als Arbeiter in einer Fabrik giltst du als abartig, wenn du zugibst, dass du schwul oder lesbisch bist. Die Leute machen dir dann das Leben schwer.“

Schwer machen Diskriminierung und Verschweigen erfahrungsgemäß auch die HIV-Prävention, weil über Risiken und Schutzmaßnahmen nicht offen gesprochen werden kann. Von den ca. 48.000 Menschen, die sich laut UNAIDS im Jahr 2009 mit HIV infizierten, waren 32,5 Prozent Männer, die Sex mit Männern haben. Nach Angaben des National Center for AIDS/STD Control and Prevention China (NCAids) lebten 2011 schätzungsweise 780.000 Menschen mit HIV/Aids in China.

(sho/hs)

 

Quelle/weitere Informationen

Artikel auf chinadaily.com vom 03.02.2012 (in englischer Sprache)

HIV und Aids in China (guter Überblick, in englischer Sprache)

UNAIDS-Daten zu HIV/Aids in China in den Jahren 2008/2009 (in englischer Sprache)

Vorurteile statt Verständnis: Homosexualität in China (Ruth Kircher/Deutschlandradio Kultur)

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